UL-Trekking Know How Teil1: Strecke machen!

Strecke machen

Mehr Kilometer am Tag laufen – mehr als 20km? Ist das nicht anstrengend? Da sieht man ja gar nichts, wenn man an allem vorbeirennt! Ich möchte meinen Urlaub doch genießen und nicht hetzen! Das kann doch keinen Spaß machen! – So oder so ähnlich reagieren die meisten Leute, wenn sie hören, dass man beim Wandern auch weiter kommen kann, als sie bisher dachten. Persönlich finde ich das sehr schade und möchte  mit einigen Vorurteilen aufräumen. Gern zeige ich Euch, wie man seine Wanderungen auf eine ganz andere – für Euch vielleicht auch ganz neue – Art genießen kann, als nur aus dem Zelt heraus.

Wo liegt das Problem? Für Viele ist das Wandern mehr oder weniger der lästige Abschnitt zwischen zwei Zeltplätzen, den es zu überwinden gilt, bevor man sich endlich wieder im Camp entspannen kann. Das kann man aber auch anders machen! Auf meinen Wanderungen laufe ich eigentlich täglich über 50km und habe auch noch Spaß daran. Aber wie soll das gehen?

Geschwindigkeit

Die Strecke, die man an einem Tag zurücklegt, wird durch zwei Faktoren bestimmt: Zeit und Geschwindigkeit. Meist ist die erste Annahme, man müsse schneller laufen um weiter zu kommen. Der Faktor der Zeit wird gerne einmal vergessen. Wer sein natürliches Gehtempo zu erhöhen versucht, wird schnell feststellen, dass man dadurch dazu tendiert, sogar noch schneller erschöpft zu sein, als wenn man in einem gemütlichen Tempo geht. An diesem Faktor gibt es also nicht allzu viel zu verändern. Der Faktor Zeit dagegen ist erstaunlich leicht zu verändern, man muss lediglich mehr Zeit des Tages mit laufen verbringen, als mit anderen Dingen. Doch wie stellt man das an?

-Früh aufstehen und nicht herumtrödeln!

Wer morgens lange im Bett (bzw. Zelt) bleibt, hat weniger vom Tag. Das Aufwachen ist hier meist nicht einmal das Problem, der Teil danach dagegen schon! Wenn man morgens ein ausladendes Frühstück kocht, sich erst noch einen Kaffee im Schlafsack gönnt und dann noch seine 25kg Gepäck zusammensuchen muss braucht man morgens gerne mal zwei bis drei Stunden länger, als jemand, der eher rasch frühstückt und seine sieben Sachen innerhalb weniger Minuten verstauen kann. Normales Gehtempo entspricht etwa 5km pro Stunde, nach Adam Riese kann man somit hier allein schon ohne große Anstrengung 10-15km weiter wandern!

Wer auf ein „richtiges“ Frühstück nicht verzichten will, kann das nach einigen Kilometern an einem schönen Plätzchen nachholen. Dadurch ist man bereits warmgelaufen, kann z.B. am Wasser sein Essen zu sich nehmen (wodurch man nicht mehr in der Nähe von Gewässern nächtigen oder Abends extra Wasser tragen muss) oder sich einen besonders schönen Ort mit guter Aussicht heraussuchen.

-Weniger oder kürzere Pausen einlegen.

Das funktioniert natürlich nur, wenn man ein angenehmes Tempo beibehält und sich nicht verausgabt. Wenn man seine natürliche Gehgeschwindigkeit hält, sollte man kaum ermüden. Das bedeutet nicht, all seine Pausen zu streichen, sondern sie einfach im Blick zu behalten und nicht unnötig in die Länge zu ziehen.

-Abends länger gehen.

Auf vielen Touren sieht man Wanderer bereits um 16 oder 17 Uhr Uhr ihre Zelte aufschlagen. Im Sommer wird es meist nicht vor 21 Uhr dunkel, so dass man noch viel Zeit hat, weiterzulaufen. Einfache Ausrüstung ist auch hier von Vorteil: Herkömmliche Zelte sind nicht nur schwer, sondern benötigen meist viel Platz und brauchen lange, um aufgebaut zu werden. Man muss rechtzeitig nach einem geeigneten Platz suchen und genügend Zeit einplanen um aufbauen zu können. Ein kleines Tarp oder Tarptent hat einen wesentlich geringeren Platzanspruch, passt dadurch an fast jeden Ort und braucht nur wenige Minuten um es aufzubauen. Wenn der Himmel klar ist, kann man meist auch einfach unter dem Sternenhimmel schlafen (sehr zu empfehlen für jeden, der es noch nicht probiert hat! Das Tarp/Zelt sollte allerdings für den Notfall griffbereit sein).

So ist man flexibler und kann bis in die Dämmerung wandern. Zu dieser Zeit werden auch viele Tiere erst aktiv, so dass die Chancen Rehe, Füchse oder Hasen zu Gesicht bekommen gut stehen.

Man muss also keineswegs rennen oder verpasst schöne Aussichten, weil man daran vorbei hetzt. Das genaue Gegenteil ist der Fall: Man bekommt jeden Tag mehr zu sehen! Mehr Aussichten, mehr Landschaften, mehr Natur, mehr Eindrücke.

Leichtes Gepäck

Mindestens so wichtig wie die Zeit ist es mit leichtem Gepäck unterwegs zu sein. Eine schlichte, funktionelle Trekkingausrüstung hilft unglaublich, seine Wanderung besser genießen zu können und erlaubt es länger und weiter zu gehen ohne zu ermüden. Schnickschnack und Gadgets mögen für Campingtrips gut sein und Spaß bereiten, doch im Gegensatz zum Camping geht es beim Wandern ums Gehen. Hier ist es angebracht, alles unnötige zu Hause zu lassen und jeden Ballast von sich zu weisen: Es ist nicht nur weniger anstrengend weniger zu tragen, sondern macht den Alltag auf einer Wanderung einfacher. Jeder mitgebrachte Gegenstand will gepflegt werden, braucht Aufmerksamkeit und Zeit; besonders beim Be- und Entladen des Rucksacks, wenn abends alles ausgepackt wird und morgens wieder hübsch und ordentlich verstaut werden will.

Außerdem gilt: Je leichter das Gepäck, desto weniger anstrengend ist das Laufen an sich. Jedes getragene Gramm verbraucht Energie, die man stattdessen auch genau so gut in gelaufene Strecke investieren kann. Mit einem 25kg schweren Rucksack verbrät man seine vorhandene Energie z.B. schon nach 20 oder 25km, während man mit dem selben Energieaufwand einen 5kg schweren Rucksack fast doppelt so weit tragen kann!

Als Faustregel kann man sagen: Jedes Kilo Gepäck weniger läuft man bei identischem Energieaufwand einen Kilometer pro Tag mehr. Zudem benötigt man weniger Pausen, was wiederum für mehr Zeit sorgt, seinen Trip genießen zu können. Ein netter Nebeneffekt: mit einem leichten Rucksack richtet sich der Blick nach vorn. Man kann die Aussicht entspannt genießen, anstatt unter dem Gewicht eines schweren Rucksacks vorn übergebeugt nur seine eigenen Schuhe zu sehen bekommt.

Auf einer normalen Wanderung sieht mein Tagesablauf in etwa so aus:

  • Aufstehen bei Sonnenaufgang, schnelles Frühstück (Riegel, Gebäck oÄ, Hauptsache ich muss es nicht zubereiten), fix zusammenpacken und losgehen
  • Unterwegs ein bisschen knabbern und die kühle Morgenluft genießen
  • gegen 10 Uhr gibt es ein Frühstückspäuschen
  • gegen 13 Uhr Mittagessen (optimal, wenn z.B. eine Wasserquelle in der Nähe ist, oder einfach ein Ort mit schöner Aussicht)
  • gegen 16 Uhr noch eine Pause
  • gegen 19 Uhr Abendessen (ebenfalls – wenn möglich – in Nähe einer Wasserquelle)
  • danach weitergehen bis es dämmert, ein besonders schöner Zeltplatz auftaucht, oder ich schlicht keine Lust mehr habe

Das ist für mich keineswegs ein Plan, an den ich mich halten will oder gar muss, sondern ich habe festgestellt, dass ich gerne in etwa um diese Zeiten meine Pausen lege.

Viel Spaß! Laufe leichter, laufe weiter.

Ein großer Dank geht an Micha der mir bei diesem spannenden Projekt mit Rat und Tat zur Seite stand.

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